Traumjob – Logopädin #1

In meinen bald 40 Berufsjahren wurde ich oft gefragt, ob die Logopädie mein Traumjob gewesen ist. In meinem Ausbildungsjahr wurden nur 10% der Bewerber*innen genommen. Das war ein großes Glück damals. Die Frage nach dem Traumjob stelle ich immer auch meinen Praktikantinnen. Die letzten Male hat mich die Antwort tatsächlich getroffen, denn alle haben sich gegen die Logopädie entschieden. Einmal hat das Grundschullehramt (wegen des Beamtenstatus war die ehrliche Antwort) oder Sonderpädagogik, bzw. soziale Arbeit das Rennen bei der Berufswahl gemacht. Wie schade!

Ob man sich als Lehrer*in weniger ärgern muss wie wir über manche Blüten des Gesundheitswesens sei dahingestellt und die Bürokratie ist ebenfalls ein eigenes Kapitel in so vielen Berufszweigen.

Eine Weile habe ich auch das Gerücht gehört, dass man sich von der Logopädie nicht „ernähren“ würde können. Wir sind keine Spitzenverdiener, aber das darf doch kein Kriterium sein. Man braucht doch einen Beruf, der einem Spaß macht und sinnvoll. Aber wenn es nur ums Geld geht, dann ist man tatsächlich in der Logopädie falsch. Nicht weil man weniger verdient, sondern weil das eine grundsätzliche Lebenseinstellung ist. Ein bisschen Idealismus gehört dazu und sein Herz sollte man nicht an der Praxistür hinter sich lassen. Ja, wir können uns ernähren und je nach Position sogar ganz gut.  

Was sage ich nach so vielen Berufsjahren und was gebe weiter? Unser Beruf ist absolut abwechslungsreich und voller Variationen. Viele Kolleg*innen arbeiten sehr gerne mit Kindern, ich auch und doch hat sich mein Interesse für den Bereich der Erwachsenen intensiviert.

Ich liebe es in der freien Praxis zu arbeiten, weil man tatsächlich total frei ist. Das fängt bei den Störungsbildern an. Immer wieder kann man seinen Störungsschwerpunkt verändern und sich in Störungsbilder intensiv einarbeiten und spezialisieren. Klar geht es immer um Sprache, aber einen Sigmatismus (Lispeln) bei einem Kind zu behandeln ist etwas anderes als einem Schlaganfallpatienten wieder zum Sprechen zu verhelfen. Es gibt so viele komplexe Störungsbilder und mittlerweile so vielfältige Fortbildungsmöglichkeiten.

Es muss ja auch nicht immer die freie Praxis sein. Manche Mitarbeiter*innen sind nach vielen Jahren in der Praxis glücklich in eine Einrichtung zu wechseln, andere bleiben und bleiben mit Leib und Seele bei den Patient*innen in der Praxis. Logopäd*innen sind gesucht und haben so viele Möglichkeiten.

Für mich war die Freiheit immer das Wichtigste. Die Freiheit mich ständig fortzubilden, zu verändern, Dinge ganz anders zu machen, weil ich es so gut finde und immer wieder Menschen zu begegnen, die unterstützt werden konnten. Erfolge vermitteln zu können ist eine so große Motivation.

Die einzige Gefahr sehe ich einzig und allein, sich zu verausgaben. Eine gute Supervision halte ich für unerlässlich und ein gutes Team ist immer sehr wertvoll, mit seinen Energien nicht zu verschwenderisch zu sein. Das ist ein Punkt und immer eine Herausforderung. Langweilig und über die Jahre immer wieder das Gleiche zu machen, wäre für mich unerträglich. Routine ist gut, sollte aber nicht zu dominant sein.

Doch ich bin immer noch glücklich und kann aus ganzem Herzen sagen, dass die Logopädie vielleicht kein Zuckerschlecken ist, aber bestimmt zur Kategorie Traumberufe gehört.